Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 13/1996)

"Wir sind die Innovativsten"

Der neue Apple-Boß Gilbert Amelio propagiert die Rückkehr zum Einfach-Computer für jedermann

FOCUS: Ihr deutscher Vorgänger Michael Spindler hatte den Spitznamen "The Diesel". Welchen hätten Sie gern?

Amelio: Ein Reporter meinte, ich sei nicht so energiegeladen, sondern eher wie ein netter Onkel. Damit kann ich leben, denn ich will zuerst einmal für Ruhe bei Apple sorgen.

FOCUS: Was werden Sie als Apple-Boß ändern?

Amelio: Wir müssen künftig weniger arrogant sein und uns mehr an den Anwendern orientieren. Wir müssen die unübersichtliche Mac-Modellpalette verkleinern und wieder zurückkehren zu dem, was Apple groß gemacht hat: komplizierte Technologie für Durchschnittsmenschen nutzbar zu machen.

FOCUS: 1984 war die benutzerfreundliche Grafikoberfläche des Macintosh ein Meilenstein. Jetzt haben wir Windows 95 und Internet-Browser, die auf jedem Computer gleich aussehen. Wer braucht heute noch einen Mac?

Amelio: Der Gedanke, ein Computer könne für jeden alles sein, ist naiv. Nicht jeder will das gleiche Auto fahren, nicht jeder will den gleichen Computer. Warum sonst könnte Mercedes den doppelten Preis für seine Wagen verlangen? Das bedeutet allerdings nicht, daß wir jetzt Rallyestreifen auf den Gehäusen anbringen. Wir konzentrieren uns besonders auf zwei Klassen von Anwendern: Kreative und Lernende. In diesen Bereichen haben wir sehr viele loyale Kunden.

FOCUS: Reicht diese Nische, um zu überleben? Im letzten Jahr ist Ihr Weltmarktanteil auf nur noch 7,8 Prozent gefallen.

Amelio: Jeder Markt ist nur ein Nischenmarkt. Ich glaube nicht an die Jagd nach Marktanteilen, sondern daran, daß sich erfolgreiche Firmen auf das konzentrieren, was sie am besten können.

FOCUS: Was ist das bei Apple?

Amelio: Zum Beispiel die Mac-Benutzeroberfläche, die immer noch alles andere übertrifft. Mit der neuen Betriebssystemversion "Copland", die wir Ende des Jahres ausliefern, wird sich der Abstand vergrößern. Das Gerede, nur noch das Internet sei wichtig und das Betriebssystem tot, stimmt einfach nicht.

FOCUS: Die wichtigsten Computertrends werden aber von Firmen wie Sun und Netscape bestimmt. Hat Apple die technologische Führung verloren?

Amelio: Wir sind noch immer die Innovativsten. Im vergangenen Jahr haben wir mehr Patente angemeldet als Sun und Netscape zusammen. Wir werden uns künftig mehr um die Vernetzung kümmern. Im Internet-Bereich sind wir momentan vielleicht noch nicht trendy, aber das kommt bald.

FOCUS: Wodurch? Ins Internet kommt man mit jedem Computer, Ihr "persönlicher Digitalassistent" Newton hat keine Revolution ausgelöst, und die Internet-Spielkonsole Pippin* ist noch nicht auf dem Markt.

Amelio: Die Newton-Technologie wird sich weiterentwickeln. Denken Sie zum Beispiel an mobile Internet-Zugangsgeräte, intelligente Funktelefone oder Programme wie die "intelligenten Agenten", die selbständig Informationen im Internet aufspüren. Meinetwegen auch an Küchencomputer für die Rezeptverwaltung. Oder an leicht bedienbare Geräte für ältere Menschen, die sich nicht mit einem PC herumschlagen wollen - eine zahlungskräftige Zielgruppe, die bislang noch gar nicht erschlossen ist. Wir müssen mehr Intelligenz in die Entwicklung einfacher Geräte investieren. Nicht die 500-Dollar-Preisgrenze ist der Schlüssel zum Erfolg, sondern die leichte Bedienbarkeit.

* Ein Videospiel auf Macintosh-Basis mit Power-PC-Prozessor und CD-ROM. Soll auch als Internet-Zugangsgerät dienen.

Gilbert Amelio

• Vorstandsvorsitzender bei Apple seit Februar 1996

• Studium am Georgia Institute of Technology, Doktor der Physik

• Besitzer von 16 Patenten und fünf Macs
 
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