Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in PC Professionell 5/1995)

America Online entdeckt Europa

Der schnellstwachsende Onlinedienst und der zweitgrößte Medienkonzern der Welt paktieren: America Online und Bertelsmann wollen den europäischen Markt erobern.

Für Steve Case, den Präsidenten des US-Netzwerks America Online, markiert der 1. März 1995 den »D-Day«: An diesem Tag hat sein Unternehmen mit dem deutschen Medienriesen Bertelsmann die Eroberung des europäischen Online-Markts eingeleitet.

Nach einem beispiellosen Teilnehmerwachstum in den USA, wo America Online eigenen Angaben zufolge allein im letzten Dezember 500 000 neue Teilnehmer gewinnen konnte und jetzt über 2 Millionen Mitglieder zählt, wagt sich AOL nun an den Aufbau eines europäischen Ablegers. Noch in diesem Jahr sollen Onlinedienste in Deutschland, Frankreich und Großbritannien entstehen.

Die dazu nötige Aufbauarbeit übernimmt ein Joint-venture, an dem America Online 50 Prozent der Anteile hält. Die restlichen 50 Prozent und auch die Leitung der Gemeinschaftsfirma übernimmt die Bertelsmann AG. Sie investiert nicht nur 150 Millionen Mark in das Projekt, sondern kauft sich mit 50 Millionen Dollar (5 Prozent des Aktienkapitals) zudem direkt bei AOL ein.

Das neue Gespann sorgt für Bewegung im Online-Markt, denn Bertelsmann - der weltweit zweitgrößte Medienkonzern - ist nicht nur reich an Kapital, sondern verfügt auch über die im Online-Bereich goldwerten Inhalte. Zum Firmenimperium zählen beispielsweise der Hamburger Verlag Gruner & Jahr (Stern, Geo), zahlreiche Fachzeitschriften, CD-ROM-Vertriebstöchter, Beteiligungen an Fernsehsendern (RTL, Vox) und die Plattenfirma Ariola. Als »unschätzbaren Wettbewerbsvorteil« gegenüber bestehenden und geplanten Diensten wie Datex-J/Btx, Microsoft Network, Eworld oder Europe Online betrachtet AOL-Chef Case zudem die 30 Millionen Mitglieder der weltweit verstreuten Bertelsmann-Buchklubs. Die Konkurrenz zweifelt allerdings am Nutzen der Klub-Kundschaft. »Wieviele Mitglieder haben denn einen PC?«, fragt Oskar Prinz von Preußen, Mitgeschäftsführer von Europe Online.

Während der Gigant aus Gütersloh vor allem Geld, Inhalte und potentielle Anwender zum Joint-venture beisteuern soll, stellt America Online die Service-Infrastruktur. Dazu zählt neben der AOL-Bedienersoftware und einem Internet-Zugang vor allem der Zugriff auf die bestehenden US-Informationsangebote. Damit europäische Teilnehmer aber nicht nur unter ausschließlich englischsprachigen Diensten wählen können, legt Bertelsmann Wert auf den lokalen Bezug der Angebote. »In jedem Land werden die neuen Online-Services ihr eigenes Gesicht und Leistungsspektrum aufweisen«, verspricht Vorstands-Chef Mark Wössner. Wie das in Deutschland aussieht, steht bislang jedoch ebensowenig fest wie der Name oder Sitz der Gemeinschaftsfirma. »Die Lufthansa wird als Anbieter vertreten sein«, behauptet Bertelsmann-Sprecherin Ulrike Grünrock-Kern, nennt aber ansonsten nur eigene Angebote: »Wir bereiten unsere Zeitschriften, Lexika und Wörterbücher für die Online-Nutzung auf.« Mit weiteren Anbietern stehe man noch in Verhandlung.

Buhlen um Info-Anbieter
Den Online-Konkurrenten geht es ähnlich. Schon seit Monaten zieht eine Karawane von Unterhändlern durch Deutschland, die Verlagshäuser, PC-Hersteller und Dienstleistungsunternehmen als Informationsanbieter für den jeweiligen Onlinedienst gewinnen sollen. Die Kooperation von AOL und Bertelsmann trifft einen von ihnen jetzt besonders hart: Europe Online, unter anderem vom deutschen Burda-Verlag finanziert, will in diesem Jahr ebenfalls mit einem mehrsprachigen Konzept ans Netz gehen. Daß Gerd Bolls, Geschäftsführer der Burda-Holding, den Rivalen offiziell begrüßt, weil »zwei Anbieter den europäischen Markt natürlich schneller öffnen«, wirkt da wie Pfeifen im Walde. »Für unsere neuen Online Services streben wir weltweite Marktführerschaften an«, erklärt Bertelsmanns Entwicklungsleiter Thomas Middelhof unmißverständlich. Auf Europa bezogen, erwarten die beiden Partner bis zur Jahrtausendwende über eine Million Mitglieder.

Ihre Konkurrenten versuchen schon jetzt, sich für die bevorstehenden Verteilungskämpfe zu rüsten. Der etablierte Compuserve-Dienst setzt auf ein »graphischeres Look & Feel« (Produktmanager Thorsten Ganz) und verschönert die Benutzeroberfläche - sie erinnert nun stark an die Optik von America Online.

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