Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in Digital World 4/2003, hier: ungekürzte Originalfassung)

Sonderling unter den Scheibendrehern

Vor 31 Jahren feierte Bang & Olufsens avantgardistischer Plattenspieler Beogram 4000 Premiere - und setzt in Technik und Design bis heute Maßstäbe

1972, und das Leben ist bunt. Vielfarbige Pril-Blümchen zieren die Fliesen bundesdeutscher Einbauküchen, überall leuchten lustig-gelbe Smileys. Im Wohnzimmer rotiert "Under my thumb" auf dem Dual-Plattenspieler, und komplementärfarbig gekleidete Damen schwingen ihr Miniröckchen im Rhythmus der Rolling Stones. Kotelettenträger in Schlaghosen und Plateauschuhen tanzen um die organisch geformten Plastikstühle, bis der Flokati fusselt. Im Flur klingelt ungehört das leuchtorange Wählscheibentelefon.

Und dann das. Während bei Familie Durchschnitt noch der gute alte Dual die Vinylscheiben dreht, taucht bei gut betuchten Individualisten plötzlich ein völlig neuer Typ Plattenspieler auf: der Beogram 4000 vom dänischen Hersteller Bang & Olufsen (B&O).

In der grellbunten 70er-Jahre-Umgebung wirkt er schon durch sein minimalistisches Flachdesign, als käme er geradewegs aus einem Nasa-Labor. Und die Technik verstärkt diesen Eindruck. Ob eine Langspielplatte oder Single aufliegt, weiß der merkwürdige Scheibendreher durch seine eingebaute "Intelligenz" selbst und bringt den Plattenteller mit einem geregelten Riemenantrieb automatisch auf die passende Umdrehungsgeschwindigkeit. Unter der Rauchglashaube finden sich keine plump-mechanischen Hebel oder Einstellrädchen mehr, sondern elektronisch gesteuerte Tasten. Eine aufwändige Chassis-Konstruktion verhindert, dass bei Partys außer den Gästen auch die Plattennadel hüpft.

Doch die eigentliche Sensation ist der Tonarm. Wo sonst ein mehr oder minder geschwungener Arm montiert ist, sitzt nur ein kleines Kästchen mit zwei geraden Stummelarmen: Der eine endet mit einer Fotozelle, die dazu dient, den Plattendurchmesser zu bestimmen. Der andere bildet den weltweit ersten elektronisch gesteuertem Tangential-Tonarm. Er sitzt auf einem beweglichen Schlitten und tastet die Rille der Schallplatte genau so ab, wie die Master-Platte vom Schneidestichel beschrieben wurde - dabei bewegt er die Nadel des Tonabnehmers über die gesamte Plattenlänge im perfekten Winkel zur Rille. Anders als bei herkömmlichen Tonarmen tendieren sowohl der tangentiale Spurfehlwinkel als auch die "Skating-Kraft" (sie zieht die Nadel des Tonabnehmers nach innen in Richtung Plattentellerachse) gegen Null. Die Folge: eine gleichmäßigere Abtastung der Plattenrille, und damit ein besserer Klang.

Nach dem Erscheinen des Beogram 4000 steht die Hifi-Welt kopf. Bang & Olufsen - bis dato nur Insidern ein Begriff - wird mit Auszeichnungen überhäuft und nun auch außerhalb Dänemarks wahrgenommen.

Dabei wäre der Über-Plattenspieler fast am Streit des Entwicklerteams gescheitert. Der Ingenieur Gustav Zeuthen - er hatte zuvor unter anderem ein Flugzeug entworfen - und sein indischer Kollege Subir Pramanik favorisierten einen möglichst kurzen Tangential-Tonarm, um die Massenträgheit gering zu halten. Pramanik hatte für ihn bereits einen speziellen Tonabnehmer entwickelt. Doch Chefdesigner Jacob Jensen wollte einen längeren Tonarm in Form einer Stimmgabel und bürstete die Techniker ab: "So ein kurzer Schniedel vermittelt nicht gerade Kraft", überliefern die B&O-Annalen seine Argumentation. Erst dem Produktplanungs-Manager Jens Bang gelang es schließlich, den Streit zu schlichten. Der Weg war frei.

Heute sind der Beogram 4000 und seine Nachfolgemodelle lange aus den Geschäften verschwunden. Zu sehen gibt es ihn nur noch bei Sammlern und im New Yorker Museum of Modern Art. Und gelegentlich bei Ebay - dort toppt der alte Analoge noch immer fast jeden CD-Player der Neuzeit.

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