Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 43/1996)

Angekratzte Scheibe

Buchmesse '96: Qualitätstitel sollen das ramponierte CD-ROM-Image aufpolieren

Kopfschüttelnd wühlt Ralph Fischer in einem Haufen CD-ROMs: "95 Prozent der Titel sind Schrott, und die restlichen fünf Prozent wiegen das nicht auf." Fischers Verriß gilt seiner eigenen Zunft, aber deren Zorn muß der Chefredakteur für elektronisches Publizieren beim Münchner Ziff-Davis Verlag nicht fürchten - die Branche kennt ihr Qualitätsproblem.

Zu Beginn der 48sten Frankfurter Buchmesse, die an diesem Mittwoch ihre Tore öffnet, räsonieren deshalb viele Anbieter über die Zukunft der CD-ROM. "Das Ende der Euphorie ist erreicht", meint Joachim Graf, Herausgeber des Branchendienstes "multiMEDIA". Zuviel billig hergestellte Ramschware schadet dem Image der Silberscheiben und verunsichert potentielle Käufer.

Allein in diesem Jahr drängen rund 1500 neue CD-ROMs auf den Markt, prognostizieren Experten, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Klassiker wie Goethes "Faust" konkurrieren dabei mit dem Fotoalbum der TV-Blondine Pamela Anderson und einem Generator für Kreuzworträtsel. Zu jedem noch so abseitigen Thema gibt es die passende CD: Notorische Nörgler etwa können sich mit "300 Beschwerde-Briefen für alle Gelegenheiten" munitionieren.

Auf 8000 bis 10 000 Titel schätzt der Verleger Rainer Rossipaul das aktuelle Gesamtangebot, darunter 3000 deutschsprachige Scheiben. Gute von schlechten CD-ROMs unterscheiden können die Interessenten erst nach dem Kauf, denn äußerlich sind die Qualitätsunterschiede nicht zu erkennen. Die Enttäuschung ist oft programmiert. "Wer drei bis vier schlechte CD-ROMs gekauft hat, ist als Kunde verprellt", sagt Martin Rasch, Geschäftsführer von Navigo Multimedia.

Den Frust der Klientel bekommen die Anbieter zu spüren: Den größten Teil der CD-ROMs in deutschen Haushalten bilden Gratisbeilagen aus Zeitschriften, hat das Marktforschungsinstitut Inteco ermittelt. Gemessen an England und Frankreich, werden in Deutschland zwar die meisten Computer mit CD-ROM-Laufwerk verkauft, aber auch die Zahl von PC-Besitzern ohne jede Silberscheibe erreicht hierzulande einen Höchststand.

Als Ausweg aus der CD-ROM-Krise haben die Multimedia-Produzenten jetzt internationale Kooperationen entdeckt, denn aufwendige Programme nur für den kleinen deutschsprachigen Markt sind kaum zu bezahlen. "Wenn Sie von einem Titel 4000 Kopien verkaufen, können Sie schon froh sein", sagt Rainer Rossipaul. Den "Großen Weltatlas" seines Verlags, eine Neuheit der Buchmesse, hat er nur in zweijähriger Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern entwickeln können. Allein Rossipauls Beitrag belief sich dabei angeblich auf eine sechsstellige Summe.

Zu einem weiteren Kniff, um sich von der ungeliebten Billigkonkurrenz abgrenzen zu können, greift Navigo Multimedia. "Wir produzieren nicht mehr bloß einzelne Titel, sondern ganze Serien", erklärt Navigo-Chef Rasch. Der Trick: Mit einem Spezialwerkzeug entwickeln die Programmierer ein stets gleichbleibendes Grundgerüst für CD-ROM-Programme - ändert sich das Thema, müssen nur neue Bilder, Texte und Töne eingefügt werden. Entwicklungsaufwand und -kosten sinken rapide.

Der diesjährigen Buchmesse haben die Multimedia-Produzenten eine Sonderrolle zugedacht, um das Negativimage der Silberscheiben aufzupolieren: Ein Großaufgebot von 500 Ausstellern im Multimedia-Bereich - neuer Messerekord - macht dem Buchhandel zuerst die neuesten Titel schmackhaft. Anschließend sollen 500 Buchhandlungen im "Multimedia-Herbst" die 60 besten deutschen CD-ROMs, von der Adreß-CD bis zum interaktiven Kinder-Lernspiel "Verkehrte Welt!", präsentieren.

Ausgerechnet die erfolgreichste deutsche CD-ROM bleibt jedoch außen vor. Das elektronische Telefonbuch "D-Info" (über dreimillionenmal verkauft) paßt anscheinend nicht ins gewünschte Multimedia-Bild: Das schlicht-graue Programm zeigt Nummern und Adressen - aber keine Videoclips und dreidimensionale Grafik.

Zitat

"Der deutsche CD-ROM-Markt ist zu klein, und die Entwicklungskosten sind zu hoch - ein Teufelskreis"

Ralph Fischer, Ziff-Davis Verlag

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