Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 32/1996)

Chaos programmiert

Erst Ariane, dann Atlanta: Fehlerhafte Software verursacht Image- und Milliardenschäden

Olympia kurios: 50 Zentimeter kleine Boxer kämpfen gegen 6,5-Meter-Riesen. Pferd und Reiter tragen denselben Namen. Zwei Bahnradfahrer stellen gleichzeitig einen Weltrekord auf - obwohl ihr Rennen erst am Folgetag startet.

Chaos-Spiele aus dem Computer: Olympia '96 endete gestern in Atlanta mit einer Blamage für den Hauptsponsor IBM. Über 7000 Computer sollten die Ergebnisse der "technologisch höchstentwickelten Sportveranstaltung aller Zeiten" (IBM) in Rekordzeit an alle Welt melden. Tatsächlich produzierten sie oft Nonsens und Zwangspausen.

IBMs Fauxpas ist das jüngste Beispiel in einer langen Reihe von Softwarepannen, die den Betroffenen mitunter Milliardenverluste bescheren. Allein bei der Explosion der Europa-Rakete Ariane 5 verpufften elf Milliarden Mark Entwicklungsgelder. Peter G. Neumann, renommierter US-Computerwissenschaftler und Autor des Buches "Computer-Related Risks", hat seit 1985 weit über tausend Softwaredefekte zusammengetragen, die zum Teil sogar Menschenleben forderten. "Wir haben eine Softwarekrise: Wir bauen komplexe Systeme, die sich nicht mehr beherrschen lassen", erklärt Andreas Pfitzmann, Informatikprofessor an der TU Dresden.

Das programmierte Risiko liegt in der modernen Softwareproduktion. Großprojekte mit 500 Millionen Befehlszeilen lassen sich längst nur noch mit Spezialprogrammen verwirklichen, sogenannten CASE-Tools. Sie automatisieren die Programmierarbeit weitgehend, können aber keine fehlerfreien Resultate garantieren. Über 50 Prozent der Programmfehler entstehen nämlich schon in der Entwurfsphase, kritisiert das Fachblatt "Computerwoche". Auch die Technik, einzelne Funktionsbausteine zu kompletten Programmen zu kombinieren, scheitert in der Praxis. "Es gibt zu wenige fehlerfreie Programmteile, die austausch- und wiederverwendbar sind", beklagt der amerikanische Softwareexperte Brad Cox.

Trotz bekannter Mängel hat die Branche bislang noch kein Patentrezept für Safer Software gefunden. "Das perfekte Programm ist nicht in Sicht", konstatiert Hans-Joachim Bierschenk vom Fachverband Informationstechnik, "denn die Fehlerquelle Mensch läßt sich einfach nicht ausschließen."

Fachleute fordern deshalb neben einer besseren Programmier-Ausbildung auch eine freiwillige Selbstbeschränkung: Bei Großprojekten sollen nicht neue Techniken, sondern nur altbewährte Computersysteme zum Einsatz kommen, um das Risiko zu minimieren.

Die Kundschaft hat sich unterdessen längst mit der Fehlbarkeit der Elektronenhirne abgefunden. Bestes Beispiel: Trotz peinlicher Olympia-Pannen darf IBM für das US-Energieministerium nun ein besonders sensibles Rechnersystem bauen: "Option Blue", schnellster Supercomputer der Welt, soll Atomwaffentests simulieren.

Dieter Schweickhardt / Ralf Gruber

High-tech-Spiele à la IBM

Das pannengeplagte Computer-Informationssystem "Info '96" und seine Bestandteile

• 3 Billionen Byte verarbeitete Daten

• 50 Millionen ausgetauschte Nachrichten

• 7000 PCs, 100 Workstations, 4 Großrechner

• 5450 Meilen Kupferkabel und 2000 Meilen Glasfaserkabel verlegt

• 4000 Internet-Seiten mit 5000 Bildern und 65 Videos

• 1000 Arbeitsplatzdrucker, 150 Systemdrucker

• 250 lokale Netzwerke zur PC-Verbindung

• 100 verschiedene Programme im Einsatz

Geschädigt durch Software

Bei Fehlern in komplexen Computersystemen ist das Chaos programmiert.

RAKETE ARIANE 5
Durch Softwarefehler gerät die Steuerung völlig außer Kontrolle, die Rakete zerstört sich daraufhin selbst.

BAHNHOF HAMBURG-ALTONA
Neue Software im Zentralcomputer blockiert die Stellwerke für zweieinhalb Tage.

FLUGHAFEN DENVER
Fehler im Computer-Gepäcksystem verzögern die Eröffnung um 16 Monate.

BANK OF NEW YORK
Ein EDV-Fehler bringt die Bank mit 32 Milliarden Dollar in Rückstand.

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