Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 43/1996)

Hollywood bremst

Filmstudios verzögern die Super-CD, in Japan debütieren dennoch erste DVD-Spieler

Beim Blick auf den Bildschirm macht sich freudige Erregung breit: Bilder mit "fast dreidimensional anmutender Plastizität" laufen in "exzellenter Schärfe" über den Monitor - und alles in "prallen Farben", frohlockt das Fachblatt "video".

Die Begeisterung gilt dem Nachfolger der Compact Disc, der Digital Versatile Disc (DVD). Das erste Universalmedium für Filme, Musik und Computerdaten kombiniert hohe Bildqualität mit riesiger Speicherkapazität. Bei einer Auflösung von über 500 Linien (ein VHS-Videorecorder schafft nur 240) erreichen DVD-Bilder Studioqualität. Sechs Dolby-Kanäle erzeugen Raumklang. Schon die kleinste Version der Silberscheibe speichert den Inhalt von sieben CD-ROMs oder 3200 PC-Disketten.

Einziges Manko: Die Super-CD ist nicht zu kaufen. Trotz serienreifer Technik verzögert sich die für dieses Jahr geplante Markteinführung - im Streit um einen Kopierschutz für ihr Gemeinschaftswerk legen sich Filmbranche, Elektronik- und PC-Industrie gegenseitig lahm.

Ausgerechnet Hollywood bremst das "neue Spielzeug der Video-Verrückten" ("San Jose Mercury News"), denn nichts fürchten die Studios so sehr wie digitale Raubkopien ihrer Kinohits. "Beim Thema DVD schrillen die Alarmsirenen", erklärt Jack Valenti, Chef des Filmverbands Motion Picture Association: "Auch die tausendste Kopie eines Digitalfilms ist so gut wie die erste." Schon jetzt gehen der Industrie jährlich 18 Milliarden Dollar durch Videopiraten verloren, behauptet Valenti.

Zur Schadensbegrenzung fordert die Filmbranche deshalb einen ausgeklügelten Schutzmechanismus, bevor sie ihre Kassenschlager auf DVD preßt. Videos sollen verschlüsselt auf der Scheibe gespeichert werden und sich nur abspielen lassen, wenn der DVD-Player einen speziellen Dekoderchip besitzt. Beim US-Kongreß drängt die Filmlobby darüber hinaus auf ein verschärftes Urheberrecht. Mit dem "Regional Coding" versucht sie zudem, den weltweiten Videomarkt zu kontrollieren: Wer künftig etwa in den USA ein DVD-Video kauft, kann es auf europäischen Geräten nicht abspielen.

Für PC- und Elektronikanbieter bedeutet die Kopierschutzdebatte Mehrkosten und Verzögerungen, aber die Studiobosse sitzen am längeren Hebel. "Ohne großes Filmangebot macht die DVD-Markteinführung keinen Sinn", erklärt Philips-Sprecher Klaus Petri. Der niederländische Elektronikkonzern stellt seine DVD-Spieler für den Herbst '97 in Aussicht. Geschätzter Preis: 1200 bis 1400 Mark. Konkurrent Panasonic will, deutlich optimistischer, bereits im Februar ein 1399 Mark teures Gerät in den Handel bringen.

Nur in Japan beginnt die Videozukunft noch in diesem Jahr. Um das Weihnachtsgeschäft nicht zu verpassen, wollen Toshiba und Matsushita ab November DVD-Spieler ohne Kopierschutzchip anbieten. Deren Käufer werden das Recht der ersten Sicht aber nicht lange genießen: Steht der Schutzstandard, gucken sie in die Röhre - ihre Geräte können Filme, die danach auf den Markt kommen, nicht entschlüsseln.

Zitat

"Der Kopierschutz ist eines der wichtigsten noch zu lösenden DVD-Probleme"

Jan Oosterveld, President Philips Key Modules

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