Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 49/1996)

Gameboy von Gates

Ein neues Windows für Taschen-PCs soll später auch Telefone und Fernseher steuern

Wie ein Chamäleon paßte sich der sonst eher farblose Bill Gates der bunten Showkulisse an. "Unser meistgetestetes Programm hierfür ist Solitaire", präsentierte der Microsoft-Chef sein neues Betriebssystem Windows CE. Das brachte ihm einen Lacher im Spielerparadies Las Vegas.

Als Windows 95 im Kleinformat bildet die CE-Variante (Consumer Electronics) den Kern kompakter Mobilcomputer. Die unter 400 Gramm leichten Handheld PCs mit Risc-Prozessor sind kaum größer als ein Taschenrechner, enthalten aber abgespeckte Versionen der Schreib- und Rechenprogramme Word und Excel. Der Pocket Explorer zeigt Internet-Seiten auf dem Graustufendisplay. Erste CE-Geräte, etwa von Philips, kommen 1997 nach Deutschland.

Mit technischen Innovationen werden sie nicht aufwarten. Anders als Apples "Digital-Assistent" Newton, der mittels Stift und einer - anfangs unbrauchbaren - Handschrifterkennung gesteuert wurde, setzen die Windows-Flachmänner vor allem auf eine winzige Tastatur. Der mitgelieferte Stift dient nur zum Tippen auf Bildschirmsymbole. "Die Benutzer von Win-95-PCs müssen nicht umdenken", summiert Philips-Managerin Miriam Vriens die Vorzüge.

Ohne zusätzlichen Computer sind die CE-Anwender ohnehin fast hilflos: Das Anschlußkit zum Sichern ihrer Daten oder Übertragen neuer Programme gibt es nur für Windows-95-Rechner.

Ausgerechnet das interessanteste CE-Detail bleibt bislang unbeachtet. Microsoft hegt große Pläne mit dem Kleinbetriebssystem und will es als erstes Windows auch in Unterhaltungselektronik integrieren. "Der Handheld PC ist nur die erste Stufe", erklärt Marketingdirektor Jon Magill.

Nach Taschen-PCs soll Windows CE unter anderem intelligente Funktelefone, Videospielkonsolen, DVD-Abspielgeräte und Settop-Boxen für digitales Fernsehen steuern. Bevor das passiert, muß die Software aber noch einige Fortschritte machen, räumt Magill ein.

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