Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 49/1996)

"Multimedia im Netz"

Andy Grove, Chef des Chip-Giganten Intel, über den Einfluß des Internet auf die Prozessor-Zukunft

FOCUS: Palastrevolution in der PC-Welt: Neue Netzcomputer, Web-Fernseher, Mini-PCs - alle kommen ohne Ihre einst allgegenwärtigen Chips aus. Beendet das Internet Intels Prozessor-Vorherrschaft?

Grove: Das hängt alles von Ihrer Sicht der Welt ab. Wenn Sie meinen, die Programme von gestern waren gut genug, werden Ihnen auch simple Netzcomputer genügen. Schon viele sind mit Spielkonsolen, Settop-Boxen und abgespeckten Billigrechnern gegen den PC angetreten, aber die Käufer haben sich immer für den Weg nach vorn entschieden.

FOCUS: Jetzt stellt das Netz alles auf den Kopf. Zum Surfen reicht auch ein alter Computer, zum E-Mail-Schreiben braucht niemand einen neuen PC.

Grove: Nicht für E-Mail. Aber E-Mail ist nur die erste Kommunikationsanwendung, nicht die letzte. Nach E-Mail kommt Multimedia ins Internet. Das erfordert viel Prozessorleistung beim Benutzer, etwa um Videos abzuspielen.

FOCUS: Schnelle Chips bauen auch andere. Entwickeln Sie deshalb Internet-Telefon- und Videokonferenzprogramme, die nur auf Ihren Prozessoren laufen?

Grove: Videokonferenzen und Telefonieren im Internet brauchen nun einmal viel Rechenleistung, das ist eine Tatsache. Und die ist zufällig gut für Intels Geschäft. Wir sind die Besten in diesem Busineß, deswegen gehört es uns.

FOCUS: In Teilbereichen läuft das Geschäft schon ohne Sie. Neue Windows-CE-Computer arbeiten ohne Pentium.

Grove: Weil der heutige Pentium zuviel Strom für diese Geräte verbraucht. Wir zielen mit ihm auf Notebooks, nicht auf Handcomputer.

FOCUS: Auch in einfachen Internet-Zugangsgeräten steckt kein Intel-Chip. Können Sie sich das leisten?

Grove: Geräte wie der Netzfernseher WebTV werden uns nicht schaden, sondern helfen. Sie führen neue Anwender an das Thema Computer heran und verwandeln sie in potentielle PC-Käufer.

FOCUS: . . . die Sie mit ständig neuen Chip-Versionen verwirren. Den Pentium mit integrierten Multimedia-Funktionen müssen Sie jetzt sogar verzögern, um Händlern nicht das Weihnachtsgeschäft mit den aktuellen PCs zu verderben.

Grove: Diese Interpretation ist falsch. Wir haben einfach noch nicht die nötigen Produktionskapazitäten. Die MMX-Chips kommen im ersten Quartal 1997.

FOCUS: Sie fordern, künftige PCs müßten "lebensechte interaktive Erlebnisse" vermitteln. Was bedeutet das?

Grove: Wenn Sie den aktuellen Stand der Technik extrapolieren, werden Sie sehen, daß computersimulierte Grafiken bald fotorealistische Qualität erreichen und interaktiv werden, so daß Sie sich selbst in das Bild integrieren können. Dieses Modell müssen wir realisieren.

FOCUS: Wem nützt das beim Briefeschreiben und Zahlenberechnen?

Grove: Wir dürfen die Technologie nicht aus dem Rückspiegel betrachten, unsere Vorstellung muß ihr immer ein paar Schritte voraus sein. In fünf Jahren werden Ihnen leistungsstarke Computer für einen Monatslohn ganz neue Möglichkeiten eröffnen.

Andrew S. Grove, 60

· Der Exil-Ungar führt den größten Halbleiterproduzenten der Welt.

· Nach dem Einmarsch der Sowjets in Ungarn 1956 ging der gebürtige Budapester in die USA und studierte dort Industriechemie.

· 1968 kam Grove als Produktionsleiter zur Kleinfirma Intel mit zwölf Angestellten. Heute: 45 000 Mitarbeiter, 16 Milliarden Dollar Jahresumsatz

· Der Prozessor der Zukunft wird in 15 Jahren bis zu 100 Milliarden Befehle pro Sekunde verarbeiten, schätzt Grove. Heute sind es etwa 200 Millionen.

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