Ralf Gruber, Journalist
Mensch Arbeit Kontakt

> Arbeit > Artikel

(erschienen in PC Professionell 7/1995)

IBM pflückt die Lotusblüte

Für 3,52 Milliarden Dollar kauft IBM Lotus, um sich die Groupware-Lösung Notes einzuverleiben und Microsoft im künftigen PC-Kommunikationsmarkt zuvorzukommen.

Das Schreiben von IBM-Boß Louis Gerstner an Lotus-Chef Jim Manzi kam einer Briefbombe gleich. »Lieber Jim«, hieß es darin, »wie Sie aus Ihren Gesprächen mit IBM Senior Vice-President John M. Thompson wissen, strebt IBM schon seit einiger Zeit eine geschäftliche Verbindung mit Lotus an. Weil Sie dazu aber nicht bereit waren, geben wir heute morgen unsere Absicht bekannt, alle ausstehenden Lotus-Anteile für 60 Dollar pro Aktie aufzukaufen.« Die Bombe platzte am 5. Juni, und ihr Knall ist noch nicht verhallt: Big Blues plötzlicher Vorstoß und der Rekordpreis von insgesamt rund 3,52 Milliarden Dollar haben sogar Branchenkenner erstaunt.

Bei Lotus stieß IBMs Griff nach der Aktienmehrheit - eine sogenannte feindliche Übernahme - auf Widerstand. »Der Lotus-Aufsichtsrat, und nicht IBM, wird darüber entscheiden, was im Interesse von Lotus und seiner Anteilseigner liegt«, erklärte Jim Manzi. Er hatte zwar stets die Selbständigkeit der Firma betont, aber die war wenig wert angesichts der schlechten Finanzen und der attraktiven IBM-Offerte, die Big Blue sogar noch auf letztlich 64 Dollar pro Aktie erhöhen mußte.

Kaufangebot samt Klage

Gegen eine Anti-Übernahme-Klausel, die es dem Lotus-Management erlaubt, zusätzliche Billigaktien an die Anteilseigner auszugeben, hat IBM gleichzeitig mit dem Übernahmeangebot Klage eingelegt. Anders als bei der geplatzten Microsoft/Intuit-Fusion rechnen Analysten zudem nicht mit einem Veto der Wettbewerbshüter des US-Justizministeriums, weil sich das IBM/Lotus-Gespann gegen eine ausreichende Zahl potenter Konkurrenten wie Microsoft oder Novell behaupten muß. Kapitalstarke Unternehmen wie AT&T oder Oracle, die IBMs Angebot hätten erhöhen können, haben sich ebenfalls zurückgehalten, so daß wohl nur noch eine Klage die IBM-Pläne gefährden kann.

Daß Big-Blue-Boß Gerstner ein Drittel des Konzern-Barvermögens in Lotus investiert, hat vor allem einen Grund: Notes. Mit dieser Groupware-Lösung für die Kommunikation zwischen Arbeitsgruppen aus OS/2-, Windows- oder Macintosh-Anwendern ist Lotus selbst Microsoft voraus. Der Software-Alleinherrscher will ein ähnliches Konzept namens Exchange erst mit Windows 95 einführen. Plattformunabhängige Kommunikation gilt aber als die kommende PC-Schlüsselanwendung schlechthin und soll künftig eine größere Rolle spielen als das jeweils benutzte Betriebssystem - für IBM eine Investition in die Zukunft und die Aussicht, nicht nur die nötige Hardware, Software und den Service liefern zu können, sondern langfristig auch Microsofts Dominanz im PC-Markt zu beenden. »Gemeinsam können wir Notes schneller als offenen Industriestandard etablieren, noch bevor Konkurrenzprodukte herauskommen«, stellt Gerstner klar.

Die landläufige Vermutung, IBM wolle den Lotus-Kauf als Entwicklungshilfe für das 32-Bit-Betriebssystem OS/2 nutzen, weist der IBM-Chef zurück. Was viele Analysten nicht davon abhält, den Sinn des Deals dennoch hauptsächlich in einer OS/2-Aufwertung durch Notes zu sehen. Tatsache ist allerdings, daß IBM Notes schon 1994 im Strategiepapier »Open Blueprint« als eines der elementaren OS/2-Produkte verzeichnet hat und die für Juli angekündigte Netzwerkversion OS/2 Warp Connect ohnehin einen Notes-Client enthält - Lotus-Kauf hin oder her.

Ob Notes die IBM-Erwartungen erfüllt, ist ungewiß. Lotus hat eine völlig andere Unternehmenskultur, und schon kursieren Gerüchte über die Abwanderung der Notes-Entwickler, des eigentlichen Firmenkapitals. Hauptgegner Microsoft-CEO Bill Gates macht unterdessen in Zynismus. »Hardwarehersteller können keine Softwarefirmen managen, IBM ist der beste Beweis dafür.« Die Übernahme weiterer Microsoft-Konkurrenten durch IBM wäre nur von Vorteil für seine Firma, konstatiert Gates.

© Ralf Gruber. Alle Rechte vorbehalten. TOP