Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in Who is Who in Multimedia, Ausgabe München 2000)

Online-Redakteur zwischen Text und Technik

So groß der Bedarf an Online-Redakteuren ist, so diffus sind die Vorstellungen von ihrer Arbeit. Die Rolle der Technik wird dabei oft falsch ein- oder gar unterschätzt.

Jeden Samstag ertönt der kollektive Hilferuf. Im Stellenmarkt der Süddeutschen Zeitung und anderer großer Tageszeitungen schreien Internet-Startups, Verlage und Agenturen regelrecht nach Online-Redakteuren. Selbst große Firmen mit eigener Website stimmen ein: Online-Redakteur - verzweifelt gesucht. Bitte melden bei der "New Economy" und ihren "dot-coms".

Zu beschreiben, was das Berufsbild des Online-Redakteurs ausmacht, bleibt da meist nur wenig Platz. Dabei wäre es dringend nötig, denn für die einen klingt der Beruf hip, nach coolem Medienjob im Internet, womöglich mit Aktienoptionen. Die anderen stören sich schon an den Vorsilben, die den Schwerpunkt scheinbar eher auf Technikwissen legen denn auf Journalismus.

Die Wirklichkeit liegt irgendwo in der Mitte. Als Online-Redakteur zu arbeiten, bedeutet im Normalfall nichts anderes, als Artikel zu schreiben und zu redigieren. Mit dem gleichen journalistischen Wissen und der gleichen Themenkompetenz, die man auch bei Printmedien braucht. Aber mit besseren Chancen: Weil der Bedarf riesengroß ist, zählen Formalitäten wie ein abgeschlossenes Studium oft wenig. Auch Quereinsteiger haben gute Aussichten, wenn sie sich beispielsweise an einer Multimedia-Akademie fortgebildet haben.

Der wesentliche Unterschied zu Redakteursjobs bei Zeitungen oder Zeitschriften besteht in der - oft missverstandenen - Bedeutung der Technik. Ein Online-Redakteur muss kein Programmierer sein, denn jedes größere Web-Angebot wird mittlerweile mit Redaktionssystemen gefüllt, die sich nicht wesentlich von denen aus dem Printbereich unterscheiden. Statt Satzanweisungen wenige HTML-Befehle einzugeben, erfordert kein Informatikstudium.

Entscheidend sind jedoch die Konsequenzen für das journalistische Arbeiten, die sich aus der Technik ergeben. Anders als beim statischem Printprodukt ist im Online-Bereich das Medium gleichzeitig auch Arbeits- und Gestaltungsmittel. Es reicht nicht mehr, einen Artikel zu schreiben und ihn mit Zusätzlichem oder Nebensächlichem in Kästen zu garnieren. Vielmehr muss der Online-Redakteur vorausdenken: Was braucht der Leser noch, was den Artikel sinnvoll ergänzt? Wenn er den Text gelesen hat, was will er dann? Zu welchen Inhalten oder Service-Angeboten lohnt es sich im jeweiligen Zusammenhang, einen Link zu legen? Nirgendwo gilt der Spruch "Journalismus ist Dienstleistung" mehr als im Online-Bereich.

Nur wer diese Möglichkeiten der Verknüpfung nutzt, schreibt auch Online-adäquat und bietet einen Mehrwert. Bloß kürzere, leichter lesbare Texte zu produzieren und schneller zu sein als die Printmedien, reicht nicht - der Aktualitätsvorsprung gegenüber gedruckten Magazinen und Zeitungen wird mittlerweile als selbstverständlich vorausgesetzt.

Ebenso selbstverständlich werden die Anforderungen an Online-Redakteure in den nächsten Jahren noch steigen. Denn viel stärker als beim Fernsehen, Radio oder den Printmedien bestimmt die schnelle Weiterentwicklung der Technik das Berufsbild. Wo heute wegen des allgemein beklagten Mangels an Bandbreite noch Text vorherrscht, wird übermorgen im Internet die Verknüpfung von Text, Video- und Audio-Informationen gang und gäbe sein.

Ob der "Online-Redakteur" dann noch immer so heißt, ist fraglich. Dass jeder, der sich für diesen Beruf interessiert, neben der journalistischen auch eine umfassende Medienkompetenz aufbauen sollte, ist hingegen sicher.

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