Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 29.08.1995)

Rauschen im digitalen Blätterwald

Online-Zeitungen auf der Suche nach Sinn und Lesern

Bill Miller, Marketingdirektor des Onlinediensts Microsoft Network, gab seinen Zuhörern einen Ausblick auf die Zeitungszukunft. Bei der Demonstration seines Netzwerks zeigte er Ende letzten Jahres einen elektronischen Prototypen des "Wall Street Journal" am PC-Bildschirm. Via Telefonleitung mit dem Microsoft-Datennetz verbunden, war das Finanzblatt stets auf dem neuesten Stand. Ein Mausklick auf rot markierte Begriffe, und prompt erschien ein passendes Foto, eine Infografik oder eine Erklärung auf dem Monitor. Ein weiterer Klick, diesmal auf ein buntes Mountainbike, schon füllte eine Anzeige für Geländeräder den Bildschirm.

Noch ist der Microsoft-Dienst nicht am Netz und auch das "Wall Street Journal" existiert in dieser Form noch nicht. Aber die Zahl online lesbarer Zeitungen und Magazine wächst täglich. 3200 Zeitungen werden allein in diesem Jahr den Schritt in die neue Medienwelt wagen, prognostiziert die Kelsey Group. Ihr Angebot soll sich von einer simplen E-Mail-Adresse bis zur grafisch aufwendigen Selbstdarstellung im Weltdatennetz Internet erstrecken.

Die elektronische Lektüre verspricht viele Vorteile. Vor allem schnell soll sie sein und so aktuell, daß die gewöhnliche Tageszeitung schon wie Altpapier wirkt, noch bevor sie überhaupt gelesen wurde. Mehr als bloßen Tempogewinn verheißt zudem die PC-Technik, die erlaubt, was weit über die Möglichkeiten bedruckten Papiers hinausgeht: Mit dem Text verknüpfte und auf Wunsch abrufbare Fotos oder Zusatzinformationen, Suchfunktionen, kurze Filmsequenzen oder Interview-Ausschnitte im Originalton sind ebenso machbar wie die persönliche Zeitung, die nur noch Artikel zu vom Leser vorgegebenen Themengebieten enthält und ihm so zeitraubendes Suchen erspart.

Daß die Praxis aber noch weit von der schönen Theorie entfernt ist, zeigt ein Blick auf die Online-Zeitungslandschaft. Elektronische Zeitschriften und Magazine, die die Möglichkeiten des neuen Mediums auch nur annähernd nutzen, sind rar. Die meisten beschränken sich darauf, einige wenige Artikel in reiner Textform zum Abruf bereitzuhalten, die in winziger Schrift auf dem Bildschirm erscheinen und zeilenweise verschoben werden - ein Abklatsch des gedruckten Pendants, ohne weitergehende Informationen oder die im Zusammenhang mit dem PC stets bejubelte Interaktivität zwischen dem Medium und seinem Benutzer. Das Defizit eint auch sonst so unterschiedliche Titel wie "Spiegel", "Welt" und "Taz".

Als Ikone des Online-Publishing gilt immer noch Hotwired, das Internet-Angebot des amerikanischen Technokult-Magazins "Wired". Schnell, ständig aktualisiert und mit der gleichen Hightech-Ästhetik wie das gedruckte Pendant ausgestattet, baut Hotwired eine Brücke zwischen dem alten und neuen Medium. Und bietet nicht nur Lektüre, sondern beispielsweise auch die Möglichkeit, live mit anderen Lesern oder prominenten Gästen über bestimmte Themen, Artikel oder Gott und die Welt zu diskutieren. Das nötige Forum namens "Club Wired" ist Teil der elektronischen Zeitschrift und ein Mehrwert gegenüber ihrer Papierfassung, den andere Blätter vermissen lassen.

Das gute Angebot bringt nicht nur Leser, sondern auch Umsatz: Hotwired ist so populär, daß selbst bei einem Preis von angeblich 30 000 Dollar für eine 12wöchige Werbepräsenz mehr Anzeigenkunden Schlange stehen, als seine Macher auf den Internet-Seiten unterbringen können. Davon träumen andere Verlage nur. Sie stehen vor dem Problem, einerseits den Zug in Richtung neue Medien nicht verpassen zu wollen, andererseits aber auch kein Geld für die Fahrkarte ausgeben zu wollen. Denn große Gewinne sind bei Online-Zeitungen vorläufig nicht absehbar - es fehlt an zahlenden Lesern und Anzeigenkunden. Noch schwieriger als im Internet ist das Geldverdienen in kommerziellen Onlinediensten, die einen Großteil des Umsatzes für sich beanspruchen, was bereits erste Opfer gefordert hat. Zu den gescheiterten Online-Existenzen zählt beispielsweise das renommierte US-Computerblatt "Infoworld", das sein Glück im Onlinedienst eWorld versucht hatte. "Wir finden einfach keinen Weg, um damit Geld zu verdienen", schrieb Chefredakteur Stewart Alsop gleichermaßen offen und enttäuscht in seiner Kolumne. Jetzt ist die "Infoworld" nur noch im Internet vertreten.

Nicht alle Verlage setzen jedoch ausschließlich auf das Weltdatennetz. So betreibt die große amerikanische Tageszeitung "USA Today" einen nur für Abonnenten zugänglichen, über spezielle Telefonnummern erreichbaren News-Onlinedienst. Acht der größten US-Zeitungsverlage haben ein Joint-venture gegründet, das auch Lokalzeitungen den Aufbau eigener Online-Angebote ermöglichen soll. Hierzulande will der Verband der Deutschen Zeitschriftenverleger alle Verlage auf ein gemeinsames Online-System einschwören, berichtet das Branchenblatt "Werben & Verkaufen".

Der de-facto-Standard für elektronisches Publizieren bleibt aber das Internet. Und dort schreitet die Kommerzialisierung rasch voran. Der Trend bei Online-Zeitungen geht dahin, nur registrierten Lesern mit Benutzernamen und Kennwort die - noch kostenlose - Lektüre zu gestatten. Um beides zu erhalten, muß der Leser zuerst ein elektronisches Selbstauskunfts-Formular ausfüllen. Sinn der Formalität: Soll die Online-Zeitung einmal etwas kosten, hat der Verlag bereits die Adressen potentieller Leser. Vorher kann er sie für Marketingzwecke nutzen. Die Zwickmühle, einerseits attraktive Online-Zeitschriften produzieren zu müssen, die andererseits nichts so gut sein dürfen, daß die werte Leserschaft die gedruckte Version links liegen läßt, hat dabei ihren Schrecken verloren. Denn die Online-Leser dürften sich vorerst eher aus einer vollverkabelten Info-Elite rekrutieren als aus dem Massenpublikum: 1998 werden erst 39 Prozent der deutschen Haushalte mit einem PC ausgestattet sein, sagen die Marktforscher von Inteco voraus. Das Ende der Frühstückszeitung ist nicht in Sicht.

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