Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 23/1996)

Online-Pornofilter

Eine neue Technik soll den Jugendschutz im Internet sichern, ohne das Netz zu zensieren

"Heil Hitler" begann die Nachricht, die Justizminister Edzard Schmidt-Jortzig in seinem elektronischen Briefkasten vorfand: Der E-Mail-Verfasser protestierte gegen das Vorgehen bayerischer Staatsanwälte, die Anfang des Jahres beim Online-Dienst CompuServe auf eine Zugangssperre für Sex-Bereiche im Internet gedrängt hatten.

Die Diskussion um Pornographie und Jugendschutz im globalen Datennetz hält an. Während Bund und Länder noch über ihre Zuständigkeit streiten, will die Online-Branche weitreichenden gesetzlichen Regelungen zuvorkommen - und präsentiert einen elektronischen Aufpasser. Ihr PICS-System (Platform for Internet Content Selection) soll weltweit eine Kontrolle ohne Zensur ermöglichen.

CompuServe wird das neue System zum 1. Juli einführen, andere Datendienste wie America Online oder Europe Online unterstützen es ebenfalls. Netscape und Microsoft wollen PICS in den kommenden Versionen ihrer Internet-Programme einsetzen. "Innerhalb von zwei Jahren werden 80 Prozent aller Inhalteanbieter den Standard übernehmen", schätzt der Computerwissenschaftler Jim Miller, einer der PICS-Väter.

Die Grundidee hinter der vermeintlichen Universallösung ist simpel. Unabhängige Bewertungsdienste beurteilen die Internet-Seiten nach Kategorien wie Sex oder Gewalt. Eltern wählen einen Dienst aus und stellen mit einem Filterprogramm ein, wo ihr Kind surfen darf. Versucht es, zu Seiten vorzudringen, die vom Dienst als ungeeignet markiert sind, blockiert der Software-Wächter den Zugang.

Das war auch bisher schon möglich, aber PICS definiert nun erstmals einen offenen Standard zum Austausch von Bewertungen. Ziel ist der freie Wettbewerb der Anbieter und Ansichten: Interessenten können PICS-konforme Filterprogramme und Bewertungen beliebig kombinieren. Eine Zensur findet nicht statt, denn konkurrierende Bewertungsdienste sorgen für Meinungsvielfalt. Und wer ungefiltert surft, erreicht nach wie vor jede Seite.

Die Online-Industrie profitiert gleich mehrfach vom PICS-Konzept. Das flexible Verfahren dient nicht nur als Argumentationshilfe gegen staatliche Internet-Regulierung. Es läßt sich zudem als Navigationshilfe vermarkten, die auch Erwachsene nur zu "guten" Angeboten führt. "PICS hat das Potential, das Qualitätssiegel im Netz zu werden", wirbt CompuServe-Chef Felix Somm.

100prozentigen Jugendschutz kann aber auch der neue Standard nicht garantieren, wie seine Entwickler einräumen. Schon wenn ein Kind statt am heimischen, PICS-geschützten Computer lieber am Nachbar-PC surft, sind sie machtlos. Hinter den Kulissen werkeln die deutschen Datendienste deshalb längst an einer Freiwilligen Selbstkontrolle wie in der Filmwirtschaft. Allerdings ohne große Eile: Man warte jetzt, erklärt ein Firmensprecher, erst einmal auf den nächsten Zug des Gesetzgebers.

Zitat

"PICS wird sich als Antwort auf die hitzige Debatte um die Inhaltskontrolle erweisen"

Jim Miller, Co-Chairman bei PICS

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