Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 37/1996)

Der Preis der Schnelligkeit

Tuning für das Internet: Nur mit neuer Technik kann das Netz wachsen

Hiroshi Dohi spricht in Tokio mit seinem Computer. Auf dem Monitor blickt ihm ein Frauengesicht entgegen. Die Internet-Führerin registriert seine Wünsche und bringt ihn durch das World Wide Web zum Ziel - ohne Umweg, ohne Mausklick. 6700 Flugmeilen östlich entwickelt Jonathan Boltex Tele-Visionen: Beim Fernsehsender NBC in New York verknüpft er TV-Beiträge und WWW-Seiten zum interaktiven Internet-Fernsehen. "Die Medien verschmelzen", meint Boltex. Im Wissenschaftspark Gelsenkirchen leitet Michael Laskowski den städtischen Multimedia-Großversuch. "Theoretisch können wir 2,4 Milliarden Bit pro Sekunde durch Lichtwellenleiter übertragen, aber die kann noch gar keiner nutzen."

Rund um den Erdball arbeiten Forscher und Techniker an der Zukunft des Internet und versuchen, mit seinem Wachstum Schritt zu halten: Seit 1989 hat sich die Zahl der angeschlossenen Rechner jährlich etwa verdoppelt, im Januar waren es 9,5 Millionen. Wie viele Teilnehmer über jeden dieser Computer ins Netz gelangen, weiß niemand genau. Schätzungen gehen von derzeit etwa 40 Millionen Netznutzern aus. Bis zur Jahrtausendwende werden sich über 100 Millionen Rechner und 200 bis 500 Millionen Anwender im Netz drängen, spekulieren Marktforscher. Allein die monatlich im World Wide Web übertragene Datenmenge soll in dieser Zeit auf mehr als das Hunderttausendfache anwachsen.

Ob das Internet diese Steigerungsraten verkraftet, ist unklar. Bob Metcalfe beschwört bereits den Untergang des Datenlands: Noch in diesem Jahr wird das Internet einen katastrophalen Kollaps erleiden, unkt der Erfinder des Firmennetzstandards Ethernet. Bis jetzt ist der Zusammenbruch zwar ausgeblieben, aber das Netz stößt an seine Grenzen. Vor 27 Jahren als atombombensicherer Draht zwischen Militärs und Wissenschaftlern entwickelt, ist es auf Zuverlässigkeit getrimmt. Als schnelles Multimedium für PC-Daten, Radio- und TV-Programme und ein Millionenheer von Anwendern war es nicht gedacht. "Das Internet ist über sich hinausgewachsen und zum Kartenhaus geworden", konstatiert Metcalfe.

Das größte Hindernis auf dem Weg zur globalen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts sehen Experten in den Hauptadern der Telefongesellschaften. Die "Backbones" sind für die anstehende Flut von Online-Daten zu schwach. Weil das Internet weltweit Millionen unterschiedlich leistungsfähiger Netzwerke verbindet, ergibt sich fast zwangsläufig irgendwo ein Flaschenhals - der Datenstau ist programmiert.

Die Telefongesellschaften haben das Problem erkannt und renovieren eifrig ihre Netze. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die neue Übertragungstechnik ATM. Der "asynchrone Transfermodus" eignet sich zum Transport von Audio-, Video- und Computerdaten und bringt vor allem Bandbreite - statt der in Deutschland üblichen zwei Millionen Bit pro Sekunde (Mbps) fließen mit ATM 34 oder 155 Mbps durch das Netz. Das ATM-Verfahren transportiert Daten nicht in verschieden großen Paketen durch das Netz, sondern als Zellen mit einheitlicher Größe. Die Daten gelangen auch nicht über verschlungene Pfade zum Ziel, sondern direkt durch "virtuelle" Kanäle. Beides treibt das Tempo in die Höhe. Noch ist die Technik nicht voll ausgereift, aber langfristig sind schon Übertragungsraten von 622 Millionen bis 2,4 Milliarden Bit pro Sekunde geplant.

Weltweite Kooperationen sollen verhindern, daß langsame Teilstrecken den Datenfluß bremsen. Die Telekom entwickelt mit Sprint und France Telecom globale Internet-Backbones. BT (British Telecom) und der US-Telefonriese MCI bauen einen konkurrierenden Datenkanal auf und versprechen, die Gesamtkapazität des Internet damit um 30 Prozent zu erhöhen.

In der Bundesrepublik treiben die künftigen Telekom-Konkurrenten den Internet-Ausbau voran. Um ab 1998 möglichst günstig Kunden zu erreichen, experimentieren sie mit Kabelfernsehnetzen als Telefon- und Online-Zugang. Im Pilotprojekt Multimedia Gelsenkirchen von RWE Telliance sollen 1000 Haushalte und Betriebe mit speziellen Kabelmodems surfen, die vier Megabit pro Sekunde senden und empfangen.

Am Institut für Nachrichtentechnik der TU Braunschweig gilt das künftige Digital-Fernsehen nach DVB-Standard (Digital Video Broadcasting) auch als Hoffnungs- und Datenträger für das Internet: Die Forscher entwickeln ein Verfahren, um unabhängig vom Fernsehprogramm beliebige Zusatzdaten senden zu können. "Das 'V' hat sich überholt", erklärt Institutsleiter Ulrich Reimers, "DVB ist die Universallösung für Audio, Video, Internet und Telefon."

Schnellere Übertragungswege allein werden die Wachstumsprobleme nicht lösen können. "Es ist wie beim Auto: Breite Straßen ziehen mehr Verkehr an", sagt Martin Wilhelm, Betriebsleiter des Deutschen Forschungsnetzes (DFN). Wissenschaftler stellen deshalb längst die egalitäre Internet-Kultur in Frage. Bislang macht das Netz keine Unterschiede und transportiert alle Datenpakete mit gleicher Priorität - den Geburtstagsglückwunsch wie die lebenswichtige Anfrage einer Klinik. Wenn aber auch künftig nur begrenzte Ressourcen zur Verfügung stehen, ist die Gleichbehandlung aller Netznutzer dann noch zeitgemäß? Oder sollen wichtige E-Mails und Dokumente - etwa von Krankenhäusern - mit Vorrang durch das Netz fließen, während Normalsurfer auf ihre Daten warten?

Erste Ansätze für ein Zwei-Klassen-Internet existieren bereits: Für Anwendungen wie etwa Videokonferenzen reserviert das RSVP-System (Resource Reservation Protocol) eine Netzverbindung zwischen zwei Orten und bestimmt dabei die benötigte Zeit und Bandbreite. Die Methode ist aber selbst bei ihren Entwicklern umstritten. "Nach welchen Kriterien wird festgelegt, wer eine Reservierung bekommt und wer nicht?" fragt der Forscher Steve Deering.

Bessere Chancen haben die Pläne der Telefongesellschaften. Nicht neue Konzepte, sondern neue Tarife für den besonders schnellen Internet-Zugang und große Datenmengen sollen helfen, die Info-Flut zu kanalisieren. "Die Leute müssen bezahlen, was sie konsumieren, sonst fehlt der Anreiz, die Infrastruktur zu verbessern", fordert Vinton Cerf, "Vater des Internet" und mittlerweile Vizepräsident bei MCI. Im Klartext: Das Netz wird schneller, aber teurer. "In Zukunft wird es mehrere Güteklassen und dementsprechende Gebührenstrukturen für Internet-Dienste geben", erklärt Hagen Hultzsch, Technik-Vorstand der Telekom.

Auch sie werden das Internet-Wachstum aber nicht eindämmen können. Schon im nächsten Jahr brauchen die großen US-Netzanbieter noch schnellere Übertragungstechnik, die jedoch frühestens 1998 bereitsteht, glaubt der Kölner Netzwerkexperte Axel Clauberg. Seine Prognose: "Das Wettrennen wird niemals enden."

Online-Daten im Weltraum

Neun Milliarden Dollar und eine Vision: Der US-Unternehmer Craig McCaw plant ein Satellitennetz für Internet-Daten

Andere bleiben mit ihren Internet-Plänen am Boden. Craig McCaw geht in die Luft: Als Chef der Kommunikations-firma Teledesic will er 840 Satelliten ins All schießen, die an jedem Ort der Welt den drahtlosen Anschluß an das Internet ermöglichen sollen. Geplanter Starttermin: 2001.

McCaw meint es ernst. "Der Bedarf für schnelle Netzwerkverbindungen zu Haushalten, abgelegenen Gebieten und Dörfern ist offensichtlich." Aus einer Höhe von 700 Kilometern sollen die Teledesic-Satelliten bis zu zwei Millionen Bit pro Sekunde übertragen - rund das 30fache eines Standard-ISDN-Anschlusses. Als Kunden für seinen Satellitendienst hat McCaw Telefon-gesellschaften im Visier, die via Teledesic auch Videokonferenzen und Telefon-verbindungen zu unerschlossenen Regionen anbieten sollen. Interessierte Privatleute müssen sich direkt bei den Gesellschaften anmelden.

Trotz des riesigen Aufwands scheint das Konzept vielversprechend: Microsoft-Boß Bill Gates hat sich mit sieben Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen an Teledesic beteiligt. Konkurrenz im Geschäft mit dem Internet aus dem All fürchtet McCaw jedoch nicht. "Die schiere Größe des Projekts ist Schutz genug - nur wenige Narren werden jemals etwas Derartiges versuchen."

Zitat

"Was die vernetzte Welt noch bremst, ist die fehlende Bandbreite"

Andy Grove, Chef des Chipherstellers Intel

Anruf aus dem Datennetz

Fortschritt beim Internet-Telefonieren: Bald lassen sich via Netz auch normale Telefonanschlüsse erreichen

Als die israelische Firma VocalTec im Frühjahr 1995 ihr PC-Programm "Internet Phone" auf den Markt brachte, klingelte es bei vielen Netznutzern: Plötzlich konnten sie, Mikrofon und Soundkarte vorausgesetzt, online um die Welt telefonieren. Die Tonqualität war niedrig, die Kosten auch - bei Telefonaten im Datennetz fielen nur die Gebühren für ein Ortsgespräch bis zum Einwahlknoten des Internet-Anbieters an.

Die neue Generation der Telefonprogramme verspricht jetzt nicht nur besseren Klang, sondern Wahlfreiheit: Der Softwarestandard H.323 sorgt dafür, daß auch Benutzer verschiedener Programme ins Gespräch kommen. Chip-Gigant Intel hält beispielsweise eine derartige Lösung zum kostenlosen Abruf bereit (www.intel.com). Nicht ohne Eigennutz: Das Softwaretelefon braucht schnelle Prozessoren.

Die Telekom gibt sich gelassen. "Ich erwarte in absehbarer Zeit keinen Massenmarkt für das Telefonieren im Internet", erklärt Technik-Vorstand Hagen Hultzsch. Denn kostenlos wird die Internet-Telefonie nicht bleiben: Sind Computer, Telefon und TV künftig an einer gemeinsamen Digitalleitung angeschlossen, wird wohl nach Datenmenge abgerechnet.

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