Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 21/1997)

Anruf mit dem Taschenrechner

Handys und Computer verschmelzen zum intelligenten Telefon

Beim tête-à-tête mit der schönen Physikerin pflegt High-Tech-Dieb Simon Templar auch den Geschäftsverkehr: Per Computerhandy schickt er seinem Boß eine E-Mail - und storniert den Auftrag, ihre Formel zu stehlen.

Die Kino-Fiktion aus "The Saint" ist - zum Teil - schon Realität. In den Entwicklungslabors der Handyhersteller bauen Ingenieure die erste Generation intelligenter Mobiltelefone.

Ihre "Smart Phones" kombinieren die bislang getrennte Computer- und Telefontechnik. Ausgestattet mit Mikroprozessoren und abgespeckter Bürosoftware, verschicken sie Faxe und Nachrichten, verwalten Termine und Adressen oder surfen im Internet. Je nach Modell steuern berührungsempfindliche Bildschirme, Stifte oder Sprachbefehle die Geräte. Ein Infrarotanschluß übernimmt den Datenaustausch mit PCs.

Als "Revolution der Kommunikation" bejubelt der US-Konzern Motorola sein Clever-Handy, das er ab Jahresende verkaufen will. Konkurrenten wie Alcatel, Ericsson und Siemens entwerfen eigene "Smart Phone"-Varianten. Bevorzugte Zielgruppe: mobile Manager.

Treibende Kraft hinter der Computerisierung des Handys ist das Internet. "Der E-Mail-Austausch und das Surfen im Netz werden immer wichtiger", sagt Henning Ohlsson, Manager beim Mobilfunkanbieter Motorola Telco.

Noch transportieren die D-Netze in erster Linie Gespräche durch den Äther. Beim Datenaustausch herrscht fast Funkstille: Weniger als fünf Prozent der Handynutzer senden Faxe und PC-Dateien, meldet der Verband der Anbieter von Telekommunikationsdiensten (VAT). "Smart Phones" statt komplizierter Handy-Notebook-Kombinationen sollen die Nutzung erhöhen. "Diese Geräte schaffen einen neuen Markt", hofft VAT-Geschäftsführer Gerd Eickers.

Darauf spekuliert auch die Computerbranche. Der Softwareriese Microsoft preist sein Betriebssystem Windows CE nicht nur als Hauptprogramm mobiler Klein-PCs, sondern ausdrücklich auch als Kernstück kommender Handys. Der Netscape-Ableger Navio kontert mit eigener Software. Suns Internet-Programmiersprache Java soll Anfang nächsten Jahres ihr Mobilfunkdebüt geben: im Computerhandy.

Daß die smarten Telefone einen Datenfunk-Boom auslösen, bezweifeln Experten jedoch. "Noch fehlt der Bedarf", glaubt der Marktforscher Mathias Plica, "erst mit künftigen Datendiensten lassen sich die Geräte wirklich nutzen."

Routinetelefonate verlaufen dann stumm: Statt bei der Reservierungszentrale ihren Flug umzubuchen, schicken "Smart Phone"-Nutzer den Änderungswunsch als Kurznachricht direkt an das Flughafenterminal. Die Bestätigung erscheint postwendend im Handy-Display - draht- und sprachlos.

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