Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in FOCUS 46/1996)

Vibrieren in der Hose

Immer erreichbar: Neue Funkrufdienste propagieren Pager als günstigen Handy-Ersatz

Seine Konferenz beginnt früher. Aber Hermann sitzt auf der Toilette und weiß von nichts. Pech gehabt: Die Karriere ist futsch.

Susannes Verehrer hat schon siebenmal angerufen. Vergeblich, sie ist nicht zu Hause. Jetzt gibt er auf. Susanne bleibt allein. Und bohrt weiter in der Nase.

Die frechen Werbespots zielen auf ein Millionenpublikum. Neue Mobilfunkdienste wie "Quix" und "TeLMI" wollen Privatleute und Profis für ein Relikt aus grauer Handy-Vorzeit begeistern - den Funkrufempfänger (Pager). Ihr Hauptargument ist der Preis: Paging-Nutzer sind immer erreichbar, bezahlen aber nur das Gerät. Für Mitteilungen, die als Textbotschaft auf dem Bildschirm erscheinen, bitten Quix & Co. die Absender zur Kasse. Neuigkeiten melden die Streichholzschachtel-kleinen Pager auf Wunsch dezent per Vibrationsalarm - kommt eine Nachricht, rüttelt es in der Hose.

Weiterhin hohe Handy-Gebühren und der Wunsch nach Erreichbarkeit fördern das Geschäft. "Würden Sie Ihren Kindern ein Handy geben und dann die Telefonrechnung bezahlen?" fragt James Norling, Manager beim Pager-Produzenten Motorola.

Die Telekom-Tochter T-Mobil, seit Mitte Oktober mit "Skyper" auf Sendung, geht von mindestens zwei Millionen Paging-Kunden im Jahr 2000 aus. Die Deutsche Funkruf GmbH (DFR) will gar bei sieben Millionen Bundesbürgern ein "großes Interesse" ausgemacht haben und rechnet zur Jahrtausendwende mit 400 Millionen Mark Gesamtumsatz. Europaweit werden dann zwischen 15 und 40 Millionen Menschen einen Pager besitzen, schätzen Marktforscher.

Um diese Zahlen zu erreichen, experimentieren die Funkrufdienste mit Zusatzangeboten für bislang unerschlossene Kundenkreise. In Berlin betreibt die DFR beispielsweise einen Service für Alte und Behinderte: "Kontakt" besteht aus mehreren Spartenkanälen, die Veranstaltungshinweise, Nachbarschafts- und Nahverkehrsinfos übertragen. Verläuft die Testphase erfolgreich, soll der Dienst 1997 auch in anderen Städten senden - für fünf Mark pro Kanal.

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