Ralf Gruber, Journalist
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(erschienen in Forbes! 3/1995)

Dienstreise ade

PC-Videokonferenzsysteme sorgen für Verbindung: Räumlich getrennte Mitarbeiter sehen sich, hören sich und können gemeinsam Dokumente bearbeiten - teure und zeitraubende Dienstreisen werden überflüssig.

Kurz bevor Demi Moore im Kinofilm "Enthüllung" ihren Mitarbeiter Michael Douglas zu einem Tête-à-Tête auf dem Schreibtisch verführt, widmet der sich noch dem Geschäftsverkehr: In einer PC-Videokonferenz fragt er beim Kollegen in Malaysia nach dem aktuellen Produktionsstand. Die Filmhandlung ist Fiktion, die Technik nicht - sie existiert und ist auch in Deutschland zu haben.

Anders als im Film steht in der Realität aber nicht das bloße Betrachten des Gesprächspartners im Vordergrund. Wichtiger ist die Möglichkeit, am Bildschirm mit ihm zu kooperieren. Moderne PC-Videokonferenzsysteme bieten Funktionen, um gemeinsam an einem Rechenblatt oder einer Grafik zu arbeiten, selbst wenn der Gesprächspartner auf der anderen Seite des Erdballs sitzt: Die Konferenzteilnehmer haben - durch eine ISDN-Leitung verbunden - das jeweilige Dokument auf dem Monitor und sehen zusätzlich ihren Partner sowie das eigene Konterfei in einem Bildschirmfenster.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Weil die räumliche Distanz keine Rolle spielt, werden zeit- und geldraubende Dienstreisen überflüssig. Der Anschaffungspreis von 1700 bis etwa 20 000 Mark pro Einzelsystem amortisiert sich bei Firmen mit reger Außendiensttätigkeit schon nach wenigen Videokonferenzen. Ob dieser Argumente erwartet das Marktforschungsunternehmen Ovum einen gewaltigen Boom beim Geschäft mit Videokonferenz-PCs und Aufrüstsätzen - der deutsche Umsatz soll sich von bescheidenen 21 Millionen Dollar in diesem Jahr auf rund 600 Millionen Dollar im Jahr 2000 fast verdreißigfachen. Telekom-Geschäftskundenvorstand Horst Gellert propagiert den PC längst als das Standard-Endgerät für Telekommunikation.

Technische Fortschritte und ein drastischer Preisverfall verstärken den Trend. So fiel der Preis von Picturetels Videokonferenz-Kit Live PCS 100 innerhalb eines halben Jahres um 4300 Mark. Jetzt kostet die Erweiterung nur noch 10 340 Mark. Weitere Preissenkungen sind programmiert, denn neben zahlreichen Kleinanbietern drängen auch große Konzerne wie AT&T, IBM und Siemens auf den Markt, die über Knowhow im Computer- und Kommunikationsbereich verfügen. Zudem sponsert die Telekom bereits seit längerem Videokonferenz-Investitionen: Wer sich eine sogenannte "Multimedia-Endeinrichtung" und einen ISDN-Anschluß zulegt, kann noch bis zum 31. März dieses Jahres 1200 Mark pro Gerät kassieren. Danach gibt es nur noch 800 Mark, und zwar bis Ende September.

Das richtige Produkt zu finden, ist allerdings nicht ganz einfach. Komplizierte Technik und eine Fülle konkurrierender Systeme erschweren die Auswahl. Mit ein paar Detailkenntnissen sind aber auch Laien in der Lage, die Spreu vom Weizen trennen. Wichtig ist vor allem die Unterstützung der internationalen Videokonferenz-Norm H.320. Geräte, die diesem Standard nicht entsprechen, können nur mit Produkten des gleichen Herstellers kommunizieren. Auch die Übertragungsgeschwindigkeit spielt eine Rolle: Je mehr Kilobit pro Sekunde über die ISDN-Leitung geschickt werden, desto flüssiger erscheinen die Bewegungen des Gegenübers am Bildschirm. Für Videokonferenzen in den eigenen vier Wänden läßt sich aber auf ISDN verzichten. Intels Proshare 200 arbeitet beispielsweise im lokalen PC-Netzwerk und baut erst dann eine ISDN-Verbindung auf, wenn es sich beim gewünschten Teilnehmer um einen Außenstehenden handelt. Nicht lebenswichtig, aber nützlich ist zudem das Application Sharing - eine Funktion, bei der zwei Konferenzteilnehmer gemeinsam ein Programm benutzen, obwohl es nur auf einem der beiden PCs installiert ist.

Unabhängig vom jeweiligen Gerät gilt jedoch ein Grundsatz: Die Videokonferenz-Installation im Do-it-yourself-Verfahren ist nur etwas für Experten. "Vom Plug & Play sind wir heute noch weit entfernt", erklärt IBMs Produktverantwortlicher Jürgen Lamprecht, "deshalb verkaufen wir zu unserem System auch gleich den Service."

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